Biosphärenreservat Ayoreo-Totobiegosode: Waldschutz

Der Wald, der den Totobiegosode Nahrung gibt und ihre Lebensweise prägt, ist gegenwärtig durch die massive Abholzung für die Viehwirtschaft, durch illegitime Aneignung von Land (Land Grabbing) von Siedlern und internationalen Konzernen sowie durch illegale Invasionen von Holzfällern bedroht.

Die grösste gegenwärtige Herausforderung unseres Projektes ist, dass die bereits gesicherten Landparzellen (111.000 ha) für die Ayoreo-Totobiegosode noch keine zusammenhängende Fläche bilden. Es fehlen noch fünf weitere Parzellen (107.000 ha), um das gesamte Kerngebiet dauerhaft zu schützen. Es ist Aufgabe des paraguayischen Staates – eventuell in Zusammenarbeit mit privaten Sponsoren – Mittel und Lösungen zu finden, um diese Parzellen zu sichern und sie den Ayoreo-Totobiegosode als Lebensraum und Schutzgebiet zurück zu erstatten.

Mit der Restitution und dem Schutz eines grösseren noch intakten Waldgebietes (220.000 ha) an die Ayoreo-Totobiegosode im Departamento Alto Paraguay wird sowohl in ökologischer als auch in sozialer Hinsicht ein bedeutender Beitrag zur Erhaltung des Waldes und zum Gemeinwohl im Chaco geleistet. Durch eine verantwortungsvolle und naturnahe Nutzung, die auf dem überlieferten Wissen ihrer Vorfahren und ihren eigenen Erfahrungen und Werten beruht, schützen die Totobiegosode den Trockenwald und seine Artenvielfalt langfristig vor der Abholzung und dem Raubbau. Die Verwaltung und Überwachung des Waldgebietes durch die Gemeinschaften ermöglicht gleichzeitig die Sicherung der Existenz, der Selbstbestimmung und der Rechte der Ayoreo-Totobiegosode.

© Fernando Allen

Geschichte

Die Totobiegosode (Selbstbezeichnung: «Menschen aus der Gegend der Wildschweine») zählen zu den letzten Ureinwohnern Paraguays, die vom Jagen und Sammeln leben und noch Angehörige haben, die ohne einen dauerhaften Kontakt zur kolonisierenden Gesellschaft leben. Sie sind eine Regionalgruppe des Ayoreo-sprechenden indigenen Volkes, das heute insgesamt ca. 6.000 Personen zählt. Ihr Lebensraum sind der Trockenwald und die Palmsavannen des nord-östlichen Gran Chaco, der heute das Grenzgebiet zwischen Paraguay und Bolivien bildet.

Mehrere Gruppen wurden in den 1970er und 1980er Jahren gewaltsam kontaktiert und zur Ansiedlung auf Missionsstationen gezwungen. Eine weitere Gruppe musste 2004 ihr Leben im Wald aufgeben: Der Zugang zu Wasserstellen war ihr versperrt, weil diese von Viehzüchtern besetzt worden waren.

Seit 1993 fordern die Ayoreo-Totobiegosode zur Erhaltung des Lebens ihrer noch ohne Kontakt zur kolonisierenden Gesellschaft lebenden Verwandten und zum Schutz des Waldes einen Teil ihres ursprünglichen Heimatgebietes vom paraguayischen Staat zurück. Es handelt sich um ca. 220.000 ha ihres ehemaligen Territoriums, das insgesamt eine Fläche von ca. 2.800.000 ha umfasste. Die Landforderung der Totobiegosode stützt sich auf die in der paraguayischen Verfassung garantierten Rechte indigener Völker und die historische Verpflichtung des paraguayischen Staates zur Restitution von Land.

© Survival International

Unser Beitrag

Landkauf: Unsere Stiftung erwarb zwischen 1999 und 2008 die Parzelle einer deutschen Aktiengesellschaft (28'600 Hektar im Wert US$ 1'100'000) und restituierte das Land an die Totobiegosode, die dort 2004 das Dorf Chaidi einrichteten.

Dauerhafte Sicherung und Management des Landes und des Waldes: Angesichts der massiven und rasch voranschreitenden Abholzung hat die dauerhafte Sicherung und Kontrolle des Territoriums vor Ort Priorität. Als Massnahme wurde 2016 mit unserer Hilfe ein mit Waldhütern besetzter Kontrollposten eingerichtet, von dem aus Fahrten, Camps und Kontrollgänge innerhalb des Territoriums ausgeführt werden. Gleichzeitig finanzieren wir den Zugang zu Satellitenbildern, durch die der Kartograph Peter Sawatzky ehrenamtlich das gesamte Gebiet seit Jahren überwacht. Dadurch können illegale Invasionen und Übergriffe von Siedlern, Viehzüchtern und Holzfällern sowie die illegitime Aneignung von Land durch Unternehmen frühzeitig erkannt und von den Ayoreo-Totobiegosode selber vor Ort dokumentiert und vor Gericht angezeigt werden.

Juristische Begleitung: Wir finanzieren einen Teil der Arbeit der Anwälte, die die Totobiegosode vertreten: Sie tun dieses sowohl vor paraguayischen Gerichten als auch bei der interamerikanischen Kommission für Menschenrechte, und zwar hinsichtlich der Landrestitution, der Aufrechterhaltung der Schutzmassnahmen und im Fall von Rechtsverletzungen.

Gesundheitsfonds: Aufgrund der fehlenden staatlichen Infrastruktur in den peripheren Gebieten des Chaco sowie dem Ausschluss und der Diskriminierung indigener Gemeinschaften haben die Ayoreo-Totobiegosode kaum Zugang zu medizinischer Versorgung. Seit 2015 kann dank der Unterstützung aus der Schweiz bei schwerwiegenden Notfällen (vor allem chronischen Lungenleiden, die u.a. als Spätfolge von Tuberkulose auftreten) medizinische Behandlung für die Totobiegosode in privaten Krankenhäusern der Mennonitenkolonien geleistet werden.

Verbesserung der Lebensbedingungen: Der Kauf von zwei Geländefahrzeugen für die Überwachung des Territoriums sowie eines Traktors mit Pflug und Anhänger für den Anbau der Feldfrüchte in der Regenzeit sind wesentliche Hilfen.

Bereits erreichte Ziele

Einrichtung und Aufrechterhaltung von Schutzmassnahmen: Seit 1993 wurde das von den Ayoreo-Totobigosode beanspruchte Gebiet unter Schutzmassnahmen (sogenannte medidas cautelares y de no-innovar bzw. ein Verkaufs- und Veränderungsverbot) gestellt, die die unmittelbare Abholzung verhindern und Raum für die staatlichen Rückkaufverhandlungen, Entschädigungs-verfahren und Übereignungsprozesse an die Ayoreo-Totobiegosode eröffnen.

Fortschritte in der Landrestitution: Seit 1997 hat der paraguayische Staat den Ayoreo-Totobiegosode die Landtitel von sechs Parzellen übertragen. Insgesamt konnten bisher 155.298 ha Waldgebiet gesichert werden; davon wurden bereits 110.698 ha den Ayoreo-Totobiegosode überschrieben.

Rückkehr ins Territorium: Die Überschreibung des ersten Landtitels ermöglichte den Ayoreo-Totobiegosode die Gründung ihrer Dörfer Arocojnadi (ca. 45 Personen) und Chaidi (ca. 140 Personen).

Nationale und internationale Anerkennung des Projektes:

2001 wurde das Territorium der Ayoreo-Totobiegosode vom paraguayischen Staat als Patrimonio Natural y Cultural Ayoreo-Totobiegosode (PNCAT) per Gesetz anerkannt.

2005 wurde das Territorium der Ayoreo-Totobiegosode in das Biosphärenreservat im Programm Man and the Biosphere (MaB) von der UNESCO aufgenommen.

© Gerald Henzinger

Porai Picanerai

«Wir haben den Wald nicht freiwillig verlassen. Es war eine andere Gruppe, die uns damals (1986) aufgesucht und gezwungen hat, auf die Missionsstation zu ziehen. Wenn ich das Leben der coñone (Weissen) gekannt hätte, wäre ich im Wald geblieben. Ich kämpfe für die Rückerstattung unseres Landes und verteidige meine Leute und die Orte, wo wir leben.»

Purucoidate Chiqueñoro

«Auch wenn wir nun mit den coñone (Weissen) leben und ihre Dinge kennen, möchten wir den Wald erhalten. Der Wald gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen, der Wald ernährt uns. Eine Viehweide mag gut sein für die coñone, uns bedeutet sie nichts. Wir brauchen den Wald zum Überleben.»

Erui Etacori

«Es ist ungerecht, dass unsere Verwandten vom Land vertrieben werden, weil die coñone (Weissen) hier Viehwirtschaften einrichten. Wir haben immer hier gelebt, aber sie respektieren uns nicht. Wir haben das gleiche Recht wie die coñone, wie jeder Argentinier, Brasilianer und Paraguayer, der hier Land erwirbt.»

© Gerald Henzinger

Weitere Projekte und Ziele

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Gemeinsam mit der Gemeinschaft von Yacacvash suchen wir Alternativen, die die Selbstversorgung stärken, Möglichkeiten zur Realisierung einer nachhaltigen kleinräumigen Landnutzung und setzen uns für einen ökologischen und schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen ein.

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© Verena Dyck

Gran Chaco: Problematik

Der Gran Chaco (ca. 1'000'000 km2) ist nach dem Amazonasbecken das grösste bewaldete Gebiet im Tiefland Südamerikas. Er hat ein subtropisches Klima und ist ein einzigartiges und fragiles Ökosystem aus Trockenwäldern und Savannen mit einer aussergewöhnlichen Artenvielfalt. Der Chaco ist auch Lebensraum indigener Völker (ca. 250.000 Personen): von Gruppen, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts sesshaft gemacht wurden und von Gruppen der Ayoreode, die noch ohne dauerhaften Kontakt mit der kolonisierenden Gesellschaft leben.

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© Gerald Henzinger